Offshore shelter

Rettungsinsel für in Seenot geratene Flüchtlinge


Projekt: Konzeptstudie & Entwurf einer Rettungsinsel für in Seenot geratene Flüchtlinge
Konzept: Michael Grausam, Andrea Bitter
Entwurf: Michael Grausam
Zeitraum: Entwicklung 2008

Jährlich versuchen tausende von Flüchtlingen von Afrika nach Europa zu gelangen (FRONTEX 2012). Die wenigsten nehmen den gefährlichen Weg freiwillig auf sich – sie versuchen Europa zu erreichen, um Zuflucht vor Verfolgung und Armut zu finden – in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch die Abschottungspolitik Europas führt dazu, dass die Grenzen an Land nur schwer zu überwinden sind. Deshalb versuchen es tausende über den Seeweg. Einige der Ziele sind mittlerweile durch die Medien bekannt: Lampedusa, Malta, Südspanien, Sizilien, aber auch die Kanaren im atlantischen Ozean. Mit kleinen Booten machen sie sich auf die gefährliche Überfahrt und bezahlen dafür hunderte bis tausende Euro. Viele Sterben bei dem Versuch. Die Organisation UNITED dokumentiert in einer „Liste des Todes“ alle Meldungen über Todesfälle von Flüchtlingen auf dem Weg nach Europa. Danach starben in den letzten 20 Jahren über 17.000 Flüchtlinge.
Todesursachen sind Ertrinken, Verdursten, Verhungern und Erfrieren. Nicht immer handelt es sich dabei um Unfälle. Manchmal werden Menschen über Bord geworfen, wenn sich Grenzpatrouillen nähern oder das Boot in Schwierigkeiten gerät und Gewicht reduziert werden muss. Es gibt Schlepper, die mehr Angst davor haben geschnappt zu werden, als Skrupel einen Menschen zu töten. Nicht immer wird geholfen, wenn ein Flüchtlingsboot in Seenot geraten ist. Kapitäne, die Flüchtlinge aufnehmen und an europäisches Festland in Sicherheit bringen, werden oft als Schlepper angeklagt. Ein besonders prominenter Fall war die Anklage des Kapitäns der Cap Anamur, Stefan Schmidt. Er hatte Flüchtlinge, die in Seenot geraten waren, aufgenommen und musste wochenlang auf der Suche nach einem Hafen, der ihn einlaufen ließ, die italienische Küste entlangschippern. Schließlich lief er ohne Genehmigung in den Hafen von Empedocle ein, woraufhin sein Schiff beschlagnahmt und er vor Gericht gestellt wurde. Nach fünf Jahren Verhandlung wurde er schließlich freigesprochen. Doch soviel Mut und Geld für einen so langen und aufwendigen Prozess haben nur wenige. Nach internationalem Seerecht muss Menschen in Seenot geholfen werden. Dennoch gibt es immer wieder Berichte von Kapitänen, die Flüchtlinge in Seenot nicht an Bord nehmen und sie im Meer zurücklassen. Dadurch machen sie sich unterlassener Hilfeleistung schuldig. Andererseits steht für viele Fischer die Existenz auf dem Spiel, wenn sie von den Behörden der Schlepperei angeklagt werden oder nicht in den Hafen einlaufen können, um ihre Fracht zu löschen. Die Situation ist für die Kapitäne also in doppelter Hinsicht paradox: Helfen sie, werden sie kriminalisiert; helfen sie nicht machen sie sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig und müssen ihr Leben lang die Schuld mit sich tragen.

Wieso unternimmt Europa nichts gegen diesen Missstand? Die sonst so hohen europäischen Werte scheinen angesichts dieser ungelösten humanitären Katastrophe ihr Grab zusammen mit den ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer zu finden. Anstatt die Seenotrettung massiv zu verstärken und zivile Retter zu unterstützen sowie die Ursachen der Fluchtbewegung aktiv zu bekämpfen, wird die Grenzabwehr FRONTEX ausgebaut, die Zäune in Ceuta und Melilla erhöht und somit die Festung Europa weiter abgeschottet. Offiziell bekennt sich Europa zur Aufnahme von Flüchtlingen, die vor politischer Verfolgung, Bürgerkrieg oder einer anderen Gefahr für ihre körperliche Unversehrtheit, Zuflucht suchen. Jeder kann Asyl beantragen, der europäischen Boden betreten hat. In der Realität jedoch versuchen die europäischen Staaten die Flüchtlinge von Ihrem Boden fern zu halten. Zwar hat Italien als Reaktion auf den öffentlichen Druck im Oktober 2013 die Militäroperation „Mare Nostrum“ ins Leben gerufen, mit dem Ziel Flüchtlinge zu retten, dennoch besteht das umstrittenen Bossi-Fini-Gesetz weiter, auf dessen Grundlage jeder der Schlepperei beschuldigt werden kann, der vor der Küste Italiens Flüchtlinge an Bord nimmt (Süddeutsche, Oktober 2013). Vielleicht mag es angesichts der vielen Krisen in der Welt nachvollziehbar erscheinen, dass Europa Angst vor der Masse an Menschen hat, die unter den oben genannten Gesichtspunkten zumindest Anrecht auf ein Asylverfahren hätte. Es scheint also, dass die Situation so nicht lösbar ist: Steht Europa zu seinen Werten, muss es damit rechnen von Flüchtlingen überrannt zu werden, unternimmt Europa nichts gegen diesen Missstand, verrät es seine hohen humanitären Ideale und Werte.
Wie können wir es schaffen diesen Gordischen Knoten zu lösen und es zivilen Rettern und Kapitänen ermöglichen Flüchtlingen in Seenot zu helfen, ohne dass sie dafür kriminalisiert werden? Kein europäischer Staat scheint momentan willens, Flüchtlinge bedingungslos aufzunehmen. Durch die Drittstaatenregelung wird dieses gesamteuropäische Problem allein auf die südeuropäischen Staaten verschoben. Diese versuchen wiederum mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, die Flüchtlinge von ihrem nationalstaatlichen Boden fernzuhalten. Brauchen wir etwa neutralen Boden, zwischen Europa und Afrika, eine Insel der Humanität, wo Menschen geholfen werden kann ohne Wenn und Aber? Also eine Rettungsinsel in internationalen Gewässern, auf der Kapitäne gerettete Flüchtlinge abliefern können ohne fürchten zu müssen dafür bestraft zu werden – sozusagen eine „Babyklappe für Flüchtlinge“? Damit würde zumindest ein Ausweg aus der humanitären Katastrophe des Wegschauens ermöglicht. Der Ansatz darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass gleichzeitig die Ursachen der Fluchtbewegung beseitigt und die Prüfung von Asylanträgen in den jeweiligen Heimatländern ermöglicht werden müssen.

 

Konzept Offshore-Shelter

Eine künstliche Insel in internationalen Gewässern und somit außerhalb von nationalstaatlichem Territorium würde dem Anspruch an die Neutralität humanitärer Hilfe gerecht. Unter der Flagge des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) könnten so in Seenot geratene Flüchtlinge auf die Rettungsinsel, den Offshore-Shelter, gebracht und zunächst medizinisch versorgt werden. Kapitäne würden so aufgrund ihrer Hilfe nicht kriminalisiert. Hierzu wären Kooperationen mit verschiedenen Organisationen notwendig: Für die medizinische Versorgung käme beispielsweise das Rote Kreuz / der Rote Halbmond in Frage, für den Betrieb der Insel das UNHCR und für die Öffentlichkeitsarbeit ein Verein wie UNITED.
Als Standort würde sich zunächst das Mittelmeer zwischen Tunesien, Libyen, Lampedusa und Malta anbieten. Hier sind in den vergangenen Jahren die meisten Flüchtlingsboote gekentert und der Offshore-Shelter könnte als Ausgangsbasis für Rettungsaktionen in der Region dienen.